Sprache und Geschlecht

Nach dem Fefiasko vor einiger Zeit (1, 2) möchte ich ein paar Worte zu Gender_gap, Binnen-I und Freund_innen verlieren und teilweise auf Sprüche reagieren, die da so kamen.

Der Gender_gap beseitigt herrschenden Sexismus nicht – er ist keine Lösung des Problems, er ist ein Kampfmittel. Naziaufkleber abknibbeln beseitigt auch nicht den Faschismus auf der Welt, und trotzdem mache ich es. Nein, das Binnen-I ist nicht der Kommunismus, genau wie Free-Mumia-Plakate nicht der Kommunismus sind. »Freiheit statt Angst« ist keine Lösung, aber nicht »Freiheit statt Angst« ist erst recht keine Lösung. Ich stelle mir das so vor wie auf Vorstandsetagen paritätisch viele Frauenklos zu bauen. Das holt nicht plötzlich 50% Frauen in die Vorstände, aber es macht wieder einmal sichtbar wie ungleich die Verteilung ist und es ist ein cooles Signal für die Frauen in den Vorständen.

Ziel der Veranstaltung ist es nicht, Sprache zu korrigieren, zu neutralisieren, zu glätten. Ganz im Gegenteil: Es wird davon ausgegangen, dass Sprache eben nicht neutral ist, sondern ein Ausdruck von gesellschaftlichen Machtverhältnissen – warum also hier nicht intervenieren? Deswegen sind Bügelbrettbegriffe wie »Studierende« auch keine Lösung – es wird ja gar keine Lösung gesucht.

Das ist doch hässlich / falsch

1. Bullshit. Sprache und ästhetisches Empfinden ändern sich: Wir entscheiden, wohin. Das Binnen-I ist genauso falsch wie das Kopieren urheberrechtlich geschützter Werke. Der Gender_gap ist genau so hässlich wie Vierteltöne aus der türkischen Musik in einer Mozart-Sonate. 2. Bullshit: Das ist nicht dein Anliegen. Wo sind die kübelweise Kommentare unter jedem Netzpolitik.org-Post, in dem mal wieder Grammatik mit nem Sandkasten verwechselt wurde? Wenn euch die aktuell »gültige« Regelung der deutschen Sprache so wichtig ist, warum meldet ihr dann keine Rechtschreibfehler in meinen Blogposts? Wo wart ihr denn die letzten Jahre alle, wo seid ihr bei all den anderen Grammatiklegasthenikern?

Ihr habt Sprache nicht verstanden, Genus != Sexus, etc

Bullshit. Es geht nicht darum, Sprache zu korrigieren. Wir schreiben nicht »Metzger_innen«, weil »Metzger« ein Substantiv mit männlichem grammatikalischem Geschlecht ist, sondern weil die meisten Menschen bei »Metzger« eine männliche Person denken, weil »weiß, männlich« ohnehin der Default ist, weil nichtmännliche Metzger_innen sich nicht über zu viel Sichtbarkeit beklagen können.

Warum schreibst du dann nicht »Mensch_innen«?

Gute Frage. Weil ich nicht konsequent bin? Bisher scheinen sich Binnen-I bzw. Gender_gap nur bei Begriffen, deren weibliche Form bereits gebräuchlich ist, durchgesetzt zu haben.

Warum schreibst du dann nicht »nicht_weiße Metzger_innen« um nicht-weiße Menschen ebenfalls besonders sichtbar zu machen?

Wäre vermutlich eine gute Sache. Zuerst dachte ich, das Sichtbarmachen nichtweißer Metzger_innen wäre zwar nötig, aber wenigstens gäbe es keine eigene Begrifflichkeit für sie, so wie es »Metzgerin« gibt; stimmt aber nicht. Solche Leute heißen nicht »Mann«, »Frau«, »Angestellte«, »Junge«, sondern »Türke«, »türkischer Softwareentwickler«, »Migrantin«, »ein südländisch aussehender Jugendlicher«, »der schwarze Thomas M. (43)«. Auch hier wird klar gemacht: Es gibt einen Standard, und was davon abweicht, muss besonders bezeichnet werden und wirkt identitär. Noch ein Beispiel gefällig? Es geht um einen Prinzen, der einen Diener angeblich in einem sexuellen Kontext umgebracht hat: »Der homosexuelle Prinz bestreitet die Tat.« – da würde mit Sicherheit nicht »Der heterosexuelle Prinz« stehen, selbst, wenn er seine Dienerin aus einer sexuellen Situation heraus getötet hätte.

Generisches Maskulinum ist aber doch prima und schließt alle mit ein

1. Jein. Eine Ärztin mag ein »Arzt« sein, aber ein »Arzt« ist ohne weitere Qualifizierung ein Arzt. Und jetzt erzähl nicht bei dir ist das anders und du bist so unsexistisch wie es nur geht, Menschen haben bei dir nie nen Geschlecht: Zwei Kommentare drunter schreibt einer was von »Frauen an den Herd«. Das ist die gesellschaftliche Realität, das ist der Kontext in dem du dich mit so Behauptungen bewegst. 2. Selbst wenn es so wäre, und ich glaube es kann in einer sexistischen Gesellschaft nicht so sein, wäre der Gender_gap immer noch ein gutes Mittel um zu irritieren und Sichtbarkeit zu erhöhen.

Binnen-I ist positive Diskriminierung und damit »keinen Deut besser«

Genau, setzen wir uns einfach hin, legen die Hände in den Schoß und warten, bis das mit dem Sexismus einfach … ja was eigentlich? Aufhört? Abgeschafft wird? Verboten wird? Was ist denn ›korrektes‹ Vorgehen gegen Sexismus?

»Ein ›Täter_innen‹ kommt nie vor«

1. Das Wort »Täter« kommt in den Texten drei Mal vor, einmal »Täter_innen«, einmal »Einzeltäter« und einmal in einem Zitat. Ich hab vielleicht nicht konsequent Gender_gaps verwendet, aber auch nicht konsequent negativ bewertete Personengruppen männlich gelassen. 2. Ist das so eine typische Abwehrstruktur Privilegierter. Ihr wollt mehr als 5% in den Vorständen? Dann müsst ihr aber auch die Hälfte im Wehrdienst nehmen, wär ja sonst ungerecht!

Was ist mit »Hebamme«, »Krankenschwester«, »Hure« oder »Putzfrau«? Die Begriffe schließen männliche Personen mit dieser Tätigkeit aus!

Ok, ich gebe zu: Dieser Einwand kommt vermutlich von wenigen Kritiker_innen geschlechtssensibler Sprache, handelt es sich doch bei den genannten Berufen um vermutlich wenig angesehene, typisch »weibliche« Tätigkeiten. Es gibt jedoch geschlechtsneutrale Begriffe: »Entbindungspfleger« (in Österreich auch »Hebamme«), »Gesundheits- und Krankenpfleger«, »Prostituierter«, »Reinigungskraft«. Vermutlich müsste sich da eher schon Gedanken gemacht werden, ob solche Begriffe die geschlechterungleiche Verteilung der Reproduktionsarbeit nicht eher unsichtbar machen und daher zu kritisieren sind. Im Übrigen handelt es sich hier wieder um eine Privilegierten-Abwehrstruktur wie oben: Ihr wollt ein bisschen weniger Ungleichheit? Dann darf aber umgekehrt nicht der letzte Funken möglicher Benachteiligung übrig bleiben – Kontext spielt bei dem Argument keine Rolle.

Macht geschlechterneutrale Sprache nicht viele Geschlechterspezifiken unsichtbar? Es gibt eben weniger Soldatinnen als Soldaten, weniger Polizistinnen als Polizisten!

Falls wir irgendwann mal dahin kommen, dass eine Sprachform wirklich neutral Menschen aller gesellschaftlicher Kategorien gleichermaßen sichtbar macht und umfassend eingesetzt wird, können und sollten wir uns darüber Gedanken machen – solange die wenigsten überhaupt geschlechtersensible Sprache einsetzen, können sich männliche Polizisten und Soldaten nicht über zu wenig Sichtbarkeit beschweren – ich denke allerdings, dass vorher zwei andere Dinge passieren: 1. Die hegemoniale Form geschlechtersensibler Sprache wird als »neutral« gelesen und der Effekt der Sichtbarmachung nichtmännlicher Personen fällt weg – die Menschen gewöhnen sich an Binnen-I oder Gender_gap und lesen weiterhin männlich-weiß-heterosexuelles Default (wie bspw. schon bei hegemonial werdenden Formulierungen – »Informatiker/in« – zu beobachten) – oder 2. Die Ungleichheiten selbst verschwinden.

Immer noch nicht überzeugt?

Kein Problem. Habt eine mehr oder weniger begründete Position, warum ihr schön weiter generisches Maskulinum schreibt – es werden keine Horden von Feminist_innen bei euch einfallen und unter jeden eurer Blogposts Kommentarhaufen setzen. Sofern ihr euch nicht gerade in linksradikalen, tendenziell profeministischen Kreisen herumtreibt, werdet ihr wohl nie in die Verlegenheit kommen, euch zu rechtfertigen. Ihr könnt das gerne mal mit den bisher 54 Kommentaren (1, 2) unter meinen beiden Blogposts vergleichen.

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Thema: Politik, Virtuelle Gesellschaft | Stichwörter: , , , 92 Kommentare »

92 Kommentare für „Sprache und Geschlecht“

  1. Liane sagt:

    2 Fragen:

    wie ist die weibliche Form von Bürgermeisterkandidat??

    und Problem Nr. 2: Bspl.-Aussage (unabhängig vom inhalt)”Frauen sind die besseren Studenten” (m und w wird in diesem Satz impliziert und ist grammatikalisch korrekt)
    Neudeutsch:
    “Frauen sind die besseren Studentinnen und Studenten” ist ja schwachsinnig, ebenso “Frauen sind die besseren Studentinnen” genauso wie “Männer sind die besseren Studentinnen”, somit kann man diese Konstellation nicht verwenden, ich bin skeptisch, mit Gleichstellung hat das nichts zu tun.

  2. jana sagt:

    Binnen-I und Gender-Cap passen nicht auf Bibliothekare und Bibliothekarinnen, da unterschiedliche Endungen, also inkonsequent und in dem Fall diskriminierend…gibt wichtigeres in der Realen Welt zu tun, Sprache muss sich entwickeln und nicht entwickelt werden

  3. Tom sagt:

    und was ist mit SchirmHERRschaft, soll das jetzt Schirmfrauschaft heißen?? Oder Schirmherrinnenschaft -> dann aber auch Schirmherrenschaft, weil Plural Herr-Herren, Herrin-Herrinnen. Nur dann entfernt man sich so sehr von der Sprache, dass es lächerlich ist.

  4. Dara sagt:

    Die Sprache ist doch nur ein Spiegelbild einer Gesellschaft. Sie drückt auf manchmal krasse und auch zeitweise subtile Art die Verhältnisse in einem Land aus. Allerdings ist das nicht für jeden nachvollziehbar. Hält man sich an die Fakten, dann haben sich die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Jahr 2013 leicht verringert. 86 der 133 untersuchten Länder konnten mit Fortschritte glänzen. Das sind immerhin weit mehr als die Hälfte. In Deutschland hat sich allerdings wenig getan. Vor allem auf Schlüsselpositionen wie in wirtschaftlichen Führungspositionen und in politischen Ämtern sind Frauen bis heute unterrepräsentiert. Während sie im Bereich der Bildung, Gesundheitsversorgung stärker vertreten sind. Doch eine Sache ist das Verhältnis der Positionen und ein anderes die Bezahlung. Der Gender Gap Index zeigt auch wieder, dass die nordischen Länder Island, Finnland, Norwegen und Schweden wie so oft in sozialen Belangen weit vor dem Rest der Welt rangieren. Ob es sich allerdings lohnt so einen großen sprachlichen Aufwand um die Missstände zu machen, das steht auf einem anderen Blatt.

  5. Frank sagt:

    Ich finde die Diskussion ist übertrieben,denn irgendwie scheint mir das nich konsequent, es gibt doch Berufe in denen Frauen überrepräsentiert sind und da sollten die Männer dann auch eine Quote bekommen, z.B. Hebamme! Und wie soll dann der männliche BEgriff zu Hebamme lauten, das ist m.E. alles zu künstlich. Nur wenn man A sagt muss man auch B sagen.

  6. gehteuchnixan sagt:

    wahnsinn. ist ja entsetzlich hier in der kommentarsektion. nur rumgemaule.
    ich für meinen teil finde jedenfalls den gendergap mitlerweile ästetisch sehr schön und auch (beim stillen lesen) völlig unproblematisch. (würde man oder frau den text laut jemand anderem vorlesen, dann wird einfach an den entsprechenden stellen eine doppelnennung vorgenommen.)

    ich finde es eigentlich geradzu amüsant, welchen aufwand andere menschen in anderen dingen bereit sind zu treiben (fitnessstudio, sport und bei vielen frauen, sich täglich zu schminken), sogar dahingehend, dass sie leute, die selbiges nicht tun vielleicht sogar als “faul” bezeichnen würden, ABER SOBALD es eben um geschlechtergerechte sprache geht, ist das alles angeblich wahnsinnig kompliziert und zeitraubend :D

    und natürlich nicht zu vergessen: anderswo verhungern menschen, und ihr regt euch darüber auf, dass andere menschen doppelnennungen und/oder gap besser finden? #whereismypopcornwhenineedit

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