Prozessbericht zu fsa09

Heute fand – wie angekündigt – das Verfahren gegen einen Polizeibeamten wegen Körperverletzung im Amt statt, bei dem ich als Zeuge und betroffene Person aussagen musste. Die Richterin verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 60 Euro. Sie blieb damit leicht hinter der Forderung des Staatsanwalts zurück, der 90 Tagessätze für angemessen hielt; der Anwalt des Angeklagten forderte Freispruch. Die Richterin sah den Faustschlag gegen mich als bewusste Körperverletzung an, die auch nicht als Abwehrhandlung gewertet werden könne. Sie berücksichtigte bei der Feststellung des Strafmaßes jedoch, dass die Situation für die eingesetzten Beamten stressig und die Stimmung aggressiv war, sowie, dass ich mich dem Angeklagten schon im Vorfeld widersetzt hatte.

Der Prozess

Der Prozess fing offiziell um 9 Uhr an, in meiner Zeugenladung war 9:15 vorgesehen. Als Zeuge durfte ich den Prozess bis zu meiner Aussage nicht verfolgen. Neben Journalisten des RBB, der taz und des Neuen Deutschland waren im Zuschauerraum auch einige (kritische) Anwältinnen und andere Besucher, die in Teilen über Fefe von dem Prozess erfahren haben. Als Zeugen traten nach mir drei Personen auf: Ein Referent der Grünen Bundestagsfraktion, dem ich in der Situation aufhalf, die Person, die eines der Videos gedreht hat, und ein Beamter der 22. Einsatzhundertschaft, der laut eigener Aussage auf der anderen Seite der Festnahme im Einsatz war.

Zu dem Prozess kam es, weil der Angeklagte Erkan C. ein verhängtes Strafgeld von 7200 Euro (120 Tagessätze und damit als Vorbestrafung geltend) nicht akzeptierte. Es war relativ schnell deutlich, welche Punkte im Prozess thematisiert werden würden, und worin sich alle einig waren – als Zeuge ist das selbstverständlich nicht erkennbar bis zum Zeitpunkt der eigenen Aussage.

Strittig war, ob der Angeklagte mich geschlagen oder geschubst hat. Aus Sicht der Verteidigung versuchte er lediglich, mit einem mit beiden Händen an der Schulter ausgeführten Schubser dem erteilten Platzverweis (»Hau ab«) Nachdruck zu verleihen. Demgegenüber sahen alle anderen auf dem Video einen Faustschlag auf den Rücken. Seine Position versuchte die Verteidigung dadurch zu bestätigen, dass sie mich und einen weiteren Zeugen fragte, wo ich denn getroffen wurde, und als wir beide den selben Bereich am Rücken zeigten, behauptete, der Treffer im Video wäre offensichtlich höher gewesen. Desweiteren fragte er, wo ich die spätere Verletzung lokalisieren würde, mit dem Ergebnis, dass er behauptete, die Verletzung stünde nicht dem Körperkontakt mit dem Angeklagten in Zusammenhang.

Dass ich in der Situation objektiv keine Bedrohung darstellte, sondern ganz im Gegenteil mein Verhalten eine positiv zu bewertende Hilfeleistung darstellte, war für alle klar. Der Anwalt der Verteidigung und der Polizeizeuge behauptete jedoch, das wäre zu dem Zeitpunkt für den Angeklagten nicht erkennbar gewesen, er hätte vielmehr in einer stressigen Situation eine ruckartige Bewegung auf sich zu bemerkt und sie daher als möglichen Angriff bewertet – diese Bewertung sei zwar im Nachhinein falsch, ihm aber nicht vorzuwerfen. Insbesondere behauptete die Verteidigung, das Fahrrad des Hauptbetroffenen hätte im Sichtbereich des Angeklagten gestanden, wodurch er mich erst sehr spät gesehen habe.

Ein weiterer Fokus lag auf meinem Verhalten vor dem konkreten Vorfall; ob und wieviele Platzverweise ich erhalten hatte, warum ich überhaupt zu der Festnahme des Radfahrers kam, obwohl ich doch einen Platzverweis hatte, wie sehr ich den Angeklagten bereits vorher »genervt« hatte. Auch interessant war, dass weiterhin alle davon sprachen, dass der Radfahrer sich »gewehrt« hat und es sich um eine »schwierige« Festnahme handelte. Im allgemeinen wurde sehr locker von »Gewaltbereiten« und »linksextremistischen Gewalttätern« gesprochen, mir wurde jedoch von der Richterin zugestanden, mich »zumindest in der konkreten Situation« »nicht aggressiv« verhalten zu haben. Ihr Bild von »Linksextremist_innen« wird sie dadurch wohl nicht geändert haben. Der Anwalt des Angeklagten brachte den schönen Spruch:

Er kannte sich aus, und wenn er sich sagte ›mir ist egal was die Polizei hier sagt‹ – kann man ja machen – dann wusste er auch worauf er sich einlässt.

Da war schon sichtbar, wie die Hüter_innen des Rechtsstaates damit kämpfen, dass ausgerechnet einer dieser Linksextremist_innen die so häufig beschworene Zivilcourage an den Tag legte. Besonders knifflig scheint dabei zu sein, dass ich aufgrund der Platzverweise (wie der Staatsanwalt es sagte) »nicht dort sein durfte wo ich war«. Die Rechtsauffassung heute war aber wohl, dass sich über Platzverweise hinweg setzen schon ok ist, wenn Menschen geholfen wird.

Die Auseinandersetzung mit der Videoaufnahme als Beweismittel war auch recht interessant. Der Verteidiger meinte bspw., es gäbe »nur ein objektives Beweismittel [in diesem Verfahren]: Das Video«. Der Staatsanwalt leitete sein Plädoyer mit einem Zitat des Anwalts ein: »Manchmal ist es gut, wenn man ein Video hat«.

Der Prozess für mich

Ein solcher Prozess ist keine angenehme Sache, soviel weiß ich jetzt. Als Zeuge, zumal als Geschädigter, wird jedes bisschen Verhalten, jede Intention, jede Aussage in Frage gestellt und stellt damit die eigene Person in Frage. Umso schöner ist es, wenn die Besucherreihen mit Freunden oder zumindest freundlichen Menschen vollgestopft sind, wobei auch alle anderen ziemlich freundlich, zumindest höflich waren – Justizangestellte, der Anwalt der Verteidigung, selbst der Angeklagte selbst und der Polizeizeuge; Das dürfte Menschen die nicht ganz so weiß-männlich-hetero-hochschulabschluss-sozialversicherungspflichtigesarbeitsverhältnis-mäßig aussehen nicht so gehen. Also: Beobachtet Prozesse! Und noch was: Danke linke Medien!

Trotzdem, es war anstrengend, und ich hab als der Anwalt mich befragt hat mich auch nur schwer im Griff gehalten. Das führte zu einer Aussage, bei der ich im Nachhinein froh bin dass ich sie getroffen habe:

Ich: Ich habe mich in einem gesunden Abstand aufgehalten
Anwalt: Gesunder Abstand, was heißt das?
Ich: Außerhalb der Fäuste des Angeklagten

Sehr krass fand ich die Frage, ob ich mir die Verletzung nicht auch vorher auf der Demo »im Gerangel« hätte zufügen können. Und ich dachte immer ich würde auf heftige Demos gehen, aber die Richterin scheint mir da einiges voraus zu haben.

Zum Urteil

So ein Polizist, der in zivil und alleine neben einem sitzt, höflich seinen Stuhl zur Seite schiebt um die Sicht freizumachen, am Ende als Plädoyer in einfachen Worten sagt, dass er »den Zeugen nicht verletzen wollte«, sondern in dem Moment dachte, dass ich ihn angegriffen hätte – das ist krass, selbst für mich, wo ich meist recht viel Verständnis für politische Gegner aufbringe und ziemlich oft versuche, Menschen im Gegenüber zu sehen. Heute saß mir jedenfalls ein Mensch gegenüber.

Das Urteil sieht eine Geldstrafe über 4800 Euro vor, außerdem muss der Angeklagte wie üblich die Prozess- und seine eigenen Kosten tragen. Das ist ein ziemlicher Haufen Geld bei einem Netto-Netto-Monatseinkommen von 1800 Euro (30 * 60 Euro, der Betrag den der Angeklagte laut Justiz tatsächlich jeden Tag zum Leben hat, also Nettoeinkommen abzüglich Unterhalt, Familienangehörige, etc.), je nach individueller Lebenssituation kann sowas zu einem richtigen Problem führen.

Mir ist heute mal wieder sehr klar geworden, dass ich Strafe im allgemeinen und Knast wie Geldstrafe im besonderen nicht unterstützen möchte, erst recht nicht, wenn ich dem Gegenüber wenig mehr vorwerfen kann, als dass er einen Scheißjob hat (Wie es Die Sterne auf ColoRadio nach mir sagten: »Sie werden dafür bezahlt«). Im Endeffekt habe ich heute mit angesehen, wie ein Arbeitgeber (Der Staat) seinem Angestellten (Dem Angeklagten) unsaubere Arbeit vorgeworfen und ihn dafür abgestraft hat. Es ging ja nicht darum, dass er mich geschlagen hat, sondern, dass er mich geschlagen hat, obwohl er mich in der Situation nur hätte schubsen dürfen. Dass jemand prinzipiell andere schlagen darf, dass er sich vorher stundenlang Aggression und Stress gegenübersieht, dass er von Medien, Politik, Vorgesetzten erzählt kriegt, dass Leute wie ich (»Linksextremistische« oder auch »Hooligans« und »Personen aus der Ultra-Szene«) es eigentlich verdienen, geschlagen zu werden, und es nur auf den richtigen Moment ankommt, dass Leute nach gebrechlich, Kind, Frau, klein oder groß sortiert werden (Wie im Prozess geschehen: 2-Meter-Männer können schon was vertragen) – darum ging es nicht.

Ich meine aber keinesfalls, dass Körperverletzung im Amt in der gegebenen Rechtsordnung nicht verfolgt werden sollte. So ein Schlag auf die Wirbelsäule kann echt gefährlich sein und viele Polizist_innen (vielleicht auch der Angeklagte) machen das tatsächlich aus Spaß oder hauen aus politischer Überzeugung nochmal extra zu. Wenn die in Zukunft ein bisschen mehr Angst haben und mit ein bisschen weniger durchkommen, dann war der Prozess ein Erfolg. Einzelne abzustrafen kann aber nicht ausreichen. Deshalb bin ich auch ganz froh, dass ich zu faul war, Nebenklage einzureichen. Zu bedenken ist allerdings auch, dass in normalen Prozessen gegen Polizist_innen (sofern sie überhaupt zustande kommen) die Kräfteverhältnisse ganz anders aussehen. Gegen lügende Polizeizeug_innen in Zusammenarbeit mit ablehnenden Staatsanwält_innen und Richter_innen eine Verurteilung durchzubringen, das ist schon eine gute Sache.

Wie zu vermuten ist, werde ich kein zivilrechtliches Verfahren gegen den Angeklagten anstreben; ich habe kein Rachebedürfnis und ich will den Vorfall auch nicht nutzen, um Umverteilung von Unten nach Unten zu betreiben. Außerdem habe ich auch keine Lust, diesen Prozess nochmal durchzustehen. Entsprechend hoffe ich auch, dass der Angeklagte nicht Berufung einlegt.

Gleich (um 19:30 am Montag, dem 4. Oktober) bin ich auf ColoRadio zu hören. Fertig!

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43 Kommentare für „Prozessbericht zu fsa09“

  1. Tilman sagt:

    Meines Wissens kannst Du gar nicht zivilrechtlich gegen den Täter vorgehen, da er im Amt war. Dein Anspruch musst Du gegen das Land Berlin verfolgen. Das würde sich dann wiederum am Täter halten. Du solltest das tun, damit es denen irgendwann (nach gefühlten 100 Jahren) klar wird, dass Polizeibrutalität kostet. Und wenn Du das Geld nicht willst, gib es doch einfach öffentlichkeitswirksam den Opfern des Staates, also z.B. an eine Organisation die H4 Kinder unterstützt.

  2. dot tilde dot sagt:

    vielen dank für den bericht, der ist schön ausführlich und beantwortet alle meine fragen.

    vielleicht wird das übermächtige muster vom gewaltbereiten linksextremisten auch zu einer unverzichtbaren arbeitshypothese.

    noch einmal: vielen dank.

    .~.

  3. Kritischbleiben sagt:

    Danke für diese, erfrischend differenzierte, Darstellung.

    Mir fällt dazu noch ein: Ja, Polizist ist kein schö^H^H^H^Heinfacher Job und viele Polizisten sind sowohl privat als auch im Dienst durchaus umgänglich. Aber man darf nie vergessen, was Gewaltmonopol bedeutet, das ist ein mächtiges Privileg.
    Demonstranten dürfen sich nicht vermummen, Polizisten schon, und tun das auch.
    Demonstranten dürfen sich nicht bewaffen, Polizisten schon, und tun das auch.
    Demonstranten dürfen keine Gewalt ausüben, Polizisten schon, und tun das auch.

    Daraus folgt unmittelbar, dass mit dem Job des Polizisten sehr viel Verantwortung verbunden ist und dass hohe Ansprüche an die Fähigkeit von Polizisten, verhältnismäßig zu handeln, gestellt werden müssen. Andernfalls entsteht bei Bürgern schnell ein Bild von Willkür bis hin zur völligen Ablehnung staatlicher Institutionen.

    P.S.: Bei den Bildern aus Stuttgart kann man sich leicht ungerechtfertigte Gewalt von behelmten Polizisten, und damit das alte Problem der Identifizierung, vorstellen. Lasst nicht nach, eindeutige Codes für Polizisten zu fordern. Alles andere gehört sich nicht für einen Rechtsstaat.

  4. man kanns auch übertreiben sagt:

    Linksextremist_innen, Hüter_innen, Polizeizeug_innen, Staatsanwält_innen und Richter_innen – oh mein Gott_in!
    Weichgespülter_innen gehts nicht mehr oder?

    ps. nur als Hinweis an den Autor gedacht …

    • ich finde texte, in denen kein _innen vorkommt sehr schwer und unangenehm zu lesen, weil ich es mir dann immer dazudenken muss.

      An Adrian: Sehr guter Bericht, danke! Zu den überlegungen gegen Ende kann ich nur voll zustimmen.

      • Anonymous sagt:

        dann denks dir nicht dazu… im Deutschen ist der neutrale Ausdruck dem männlichen nuneinmal fast immer gleich.

        • Kissaki sagt:

          Ich find das _innen auch ganz schlimm.
          Sprachlich, typografisch unschön und vor allem grammatikalisch falsch.
          Die männlichen Formen sind auch neutral zu lesen, und nicht nur als männlich, dann passt das ja wohl.
          Alles andere ist nur unnötige Korinthenkacke.

          Männliche Form = männlich oder neutral, weibliche weiblich.
          Wer argumentiert das weibliche dürfe nicht so “benachteiligt” werden muss auch zu gestehen dass das männliche durch das neutrale “abgewertet” wird; womit wir wieder bei einem Gleichstand der Formel wären.

          • V sagt:

            Am schlimmsten finde ich an den Konstrukten den Unterstrich, da er den Lesefluss unterbricht und damit stört (gleiches gilt übrigens auch für BinnenMajuskeln). Wenn Dich, Adrian, das generische Maskulinum, das wir nunmal leider Gottes im Deutschen haben, stört, dann nutze halt ein generisches Femininum und sprich nur von „Polizistinnen“, wobei Du Dir dann von Feministinnen vorwerfen lassen musst, dass Du Deine Ausführungen nur auf weibliche Polizeibeamte und -angestellte beziehst. Oder Du schreibst „Polizistinnen und Polizisten“. Alles andere ist sprachlich falsch.

          • Jakob sagt:

            Korinthenk….. beschreibt eher, wenn bei jeder Gelegenheit irgend jemand meint, seine Vorstellungen von richtiger Deutscher Sprache an den Mann bringen zu müssen. Soll, doch jeder schreiben, wie er möchte! Bei schlechtem Layout oder Rechtschreip- und Grammatikfählanrn beschwert sich fast nie jemand; wenn sich aber jemand komische Wortanhängsel mit Unterstrich o.Ä. ausdenkt, statt das genereische Maskulinum als einzige Wahrheit anzuerkennen, fühlt sich gleich jemand in seiner Männlichkeit angegriffen.

            Um noch irgendwie zum Thema zurückzukommen, kann ich die Dissertation “Cop Culture – Der Alltag des Gewaltmonopols. Männlichkeit, Handlungsmuster und Kultur in der Polizei” (Opladen, 2000) von Rafael Behr empfehlen. Er stellt anhand von Tiefeninterviews einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit verschiedene Rollenmuster von Männlichkeit unter Polizisten fest. Es gibt halt mehr als Schwarz und Weiß, das gilt für Polizisten ebenso wie für die Schriftsprache.

          • Klugscheißer_in aus Leidenschaft sagt:

            Das ist doch totaler Humbug. Wenn das “männliche” durch das neutrale abgewertet wäre, dann würde das doch genauso implizieren, dass “männlich” etwas besseres als “neutral” ist. Das geht m.e. schon ziemlich ins Sexistische über…
            Und dass “männlich” mit der neutralen Form gleichgesetzt ist, verdeutlicht doch auch nur, wie schon allein die Sprache (und nicht nur die) davon ausgeht, dass die Norm männlich ist und das Weibliche eine Abwertung. So viel zum Thema “Gleichstand”.

            Gender_gap statt Sprachsexismus!

      • ANdreas sagt:

        reichst du mir mal bitte die Salzstreuerin?

    • Unterstrichhasser sagt:

      Unterstrich geht nicht, sehe ich auch so. Ist auch überflüssig, es gibt bereits eine gängige Form.

      Ob die männliche Form auch geschlechtneutral zu lesen ist, wird seit Jahrzehnten diskutiert, da sollte man Pauschalaussagen besser lassen.

  5. Hans-Werner sagt:

    Guter, gut zu lesender Bericht. Ich habe auch bereits mehrere Prozesse – aus einer gewissen linken kritischen Motivation heraus – besucht, auch solche gegen Polizisten. Und das Schema kenne ich daher auch ganz gut (übrigens kenne ich solche Prozesse gegen Polizisten, die tatsächlich vor ein Gericht kommen, auch nur mit einem “seriös-bürgerlich” wirkendem Angeklagten).

    Das Fazit, das hier getroffen wird, ist mir wichtig: Es ist keine besonders reflektierte kritische Einstellung, plötzlich selbst zu jemandem zu werden, der nach Strafe schreit (wobei das hier natürlich leichter gesagt ist als in Fällen, in denen die Personen viel schlimmere Verletzungen davongetragen haben). Bestrafung ist nie eine sinnvolle Lösung für irgendein Problem. Und ja: In der Lebenswirklichkeit von Polizisten sind bestimmte Bereiche “Fledermausland”, da hört man plötzlich von Polizisten, wie sehr sie Angst haben, zu bestimmten Demos zu müssen, mit bestimmter Klientel zu tun zu haben. Man sitzt dann als jemand, der viele der bösen fürchterlichen Linksextremisten, Autonomen, … kennt dann da und hört, welch abstruse Vorstellungen dort über Motivation und Moral (!) des vermeintlichen Gegners, des Feindbilds haben. Und man schüttelt den Kopf. Aber für die ist das Wahrheit. Weil sie halt nix anderes zu hören kriegen, und weil sie von ihren Hundertschaftsführern gut eingepeitscht sind. Will man das denen vorwerfen? Ja. Aber nicht in Form individueller, bestrafenswerter Schuld. Sondern so, wie man die “selbstverschuldete Unmündigkeit” eben vorwirft.

    Rechtspolitisch (wir bleiben dabei also in einem System, in dem es “Rechtsprechung” gibt) muss eine Forderung eher sein: Her mit der Unschuldsvermutung auch für diejenigen, die von der Polizei auf die Mütze bekommen haben. Das Verständnis, das Richter für Polizisten aufbringen, haben sie gefälligst auch ihren Opfern entgegen zu bringen. “Warum sollte der Polizeibeamte denn lügen”, das hab’ ich aus Richtermund gehört. “Warum sollte der nette Autonome denn lügen” aber bisher noch nicht. Und da liegt das Problem. Die Forderung, Missetäter in Polizeireihen härter zu bestrafen, ist eher eine konservativ-bürgerliche Angelegenheit. Da sie dort besser zur Illusion des Polizisten als besseren Menschen passt.

  6. [...] im letzten Jahr verurteilt. Die taz berichtet darüber, außerdem gibt es einen ausführlichen Prozessbericht des Betroffenen, der Opfer der Attacke wurde und als Zeuge im Prozess aussagte. Weiterhin gibt es [...]

  7. [...] Prozessbericht zu fsa09 — Adrians Blog [...]

  8. krater sagt:

    Wenn du wirklich willst das du Dir den prozess (durch berufung) nicht nochtmal antun mußt würd ich in deinem fall mal kommunizieren daß wenn derjenige in berufung geht du möglicherweise doch noch zivilklage einreichen wirst…
    das erhöht das risiko für den angeklagten auf das doppelte…das sollte in seine überlegungen einfließen…

  9. Michael sagt:

    “Im Endeffekt habe ich heute mit angesehen, wie ein Arbeitgeber (Der Staat) seinem Angestellten (Dem Angeklagten) unsaubere Arbeit vorgeworfen und ihn dafür abgestraft hat.”

    Danke für die neue Einsicht, die du mir verschafft hast.
    Ich glaube, ich werd in Zukunft anders über Polizisten denken.

  10. Micha sagt:

    Sehr guter Artikel. Auch schön differenziert. Respekt

    Aber das _innen nervt wirklich, das macht das ganze schwerer lesbar.
    Das weglassen von binnen-I und Konsorten hat auch nix mit Sexismus zutun. Es ist so nur einfacher zu lesen.

    Grüße,
    Micha

    • Sthes sagt:

      Hallo Micha,

      ich finde die Aufmerksamkeit mit dem _innen angemessen. Es ist sein Blog, wir sind Gäste und man könnte sich ein Skript schreiben was alle _innen ignoriert. Ich glaube, dass wer sich noch nicht explizit mit Sexismus in Sprache beschäftigt hat, der kann nicht sagen, ob das _innen etc. mit Sexismus oder eben das weglassen damit zu tun hat.

      Was mich nocheinmal darüber hat nachdenken lassen ist, als ich einen kompletten Reader (also etwa hundert Seiten Text) über ein nicht-sexismus-feminismus behafttetes Thema gelesen habe, in dem nur die weibliche Form benutzt wurde.

      Ein kleiens Beispiel in dem es noch nicht so extrem wirkt kopiere ich hier, wirkt das befremdlich? Eigentlich dürfte dies nicht der Fall sein, es sei denn die Formfrage drückt mehr aus als man denkt:

      “Eine nicht angemeldete Versammlung in Kreuzberg verlief gestern ohne Zwischenfälle. Etwa 80 Polizeibeamtinnen begaben sich gegen 15 Uhr 20 in die Falckensteinstraße, da eine Hausverwaltungsgesellschaft die unbefugte Inbesitznahme von Wohnraum im Erdgeschoss eines ihrer Gebäude angezeigt hatte.
      Die vor dem Haus wartenden 20 bis 30 Personen leisteten den Platzverweisen der Polizistinnen Folge, einer 34-Jährigen in den Räumlichkeiten wurde kurzzeitig die Freiheit entzogen. Die Beamtinnen nahmen zwei Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruchs auf. Der Polizeieinsatz war gegen 18 Uhr wieder beendet.”
      http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/313255/index.html

  11. FK sagt:

    Ich finde das Mitleid für den Polizisten ist fehl am Platze. Sicherlich hat er keinen Bombenjob, aber man darf nicht vergessen, dass er sich den Job selbst ausgesucht hat.
    Entweder man ist dämlich oder man weiss bei der Berufsauswahl genau, dass der Berufsweg Polizeibeamter zwangsläufig irgendwann mit Handgreiflichkeiten, Anfeindungen oder Waffenanwendung zu tun hat.
    Was ich damit sagen will: Berufe wie Soldat oder Polizist ziehen nunmal tendenziell nicht die hellsten, dafür aber durchaus gewaltbereiten, Köpfe des jeweiligen Jahrgangs an und es ist eben das Ziel der Ausbildung dass sie lernen wann Gewaltanwendung richtig und wann Falsch ist.
    Gerade im Staatsdienst müssen begangene Fehler verfolgt und bestraft werden, damit das Volk nicht das gefühl bekommt, der staat sei korrupt und unfair. die Höhe der Strafe ist angemessen zu wählen, diese hier in dem Fall fand ich z.B. gut und angemessen: Ein teurer Spass für den Schuldigen, aber kein Vorstrafe. Sollte nach meiner Einschätzung als denkzettel reichen damit ihm nicht nochmal “die hand ausrutscht”.

  12. Nichtpolizist sagt:

    Respekt für Dein Verständnis für den Polizisten, ich denke aber, daß Exekutivbeamte hier schon sehr deutlich auf Fehler aufmerksam gemacht werden müssen. Aus sonstigen Berichten bekommt man den Eindruck, daß die Strafverfolgung hier eher zurückhaltend ist, das muß sich ändern.

  13. Klaus sagt:

    Ein “Täter_innen” o.ä. kommt natürlich nicht vor. Denn das “_innen” wird ja nie bei negativen Bezeichnungen verwendet (Kinderschänder_innen, Mörder_innen, Dieb_innen, ArschlöcherInnen…). Denn das “Innen” wird nur ideologisch verwendet; mit Sprache hat das nix zu tun.

    • Kommentator sagt:

      Jetzt lass doch den Kindern ihr _innen. Ideologie ist nicht dafür da diskutiert zu werden und wir hätten doch viel weniger zu lachen, ohne die Verblendeten.

      Das tatsächlich schon Menschen so weit sind, Texte schlechter lesen zu können, in denen das _innen fehlt, finde ich zum Beispiel äußerst unterhaltsam.

      Sprache ist nicht sexistisch, Menschen sind es. Positivdiskriminierung ist keinen Deut besser als Diskriminierung an sich. Für diese Einsicht brauchen die, die für das “Gute” kämpfen oft aber genauso lange, wie die die einfach nur gedankenlos das “Böse” tun.

      Dass das Binnen-I auch nur Ausdruck von inversem Sexismus ist, wird sich irgendwann schon von allein durchsetzen, hoffe ich. Ich geh erst auf die Barrikaden, wenn meine Kinder das in der Schule schreiben sollen. Bis dahin wird sich das Internet nicht über ein paar Bytes mehr beschweren.

    • Esme sagt:

      Ich hab gleich noch eine Frage. In der Deko oder in Debug war doch auch immer so ein alter Wassertrog. So einer aus Holz, sah fast aus wie eine Tre4nke. Den finde ich eiffnach nicht mehr. Habt Ihr den noch un dwenn ja wo finde ich ihn?

  14. FK sagt:

    Hab noch einen:
    InnenausstatterInnen

  15. [...] Die Richterin verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 60 Euro. Ein Bericht von Adrian Lang. Siehe auch den Beitrag des RBB bei YouTube. Polizeigewalt ist hierzulande nichts [...]

  16. abcdefgh sagt:

    Ich bin dafür, dass frauen hinter den herd kommen. Das hat nichts mit sexismus zu tun, es nimmt einem einfach die freizeit. Das mit den täterinnen…, da merkt man wie sehr sprache bilder erzeugen und was das innen weglassen für auswirkungen hat. Mangelnde flexibilität…

    Deine einstellung bezüglich strafen und recht gefällt mir.

    Sry wegen der kleinschreibung, ich bin am handy.

  17. Karl F. sagt:

    Zivilcourage, das ich nicht lache. Der Spruch der Verteidigung stimmt doch. Auf Demos trifft sich eben an vorderster Front, wer sich prügeln will, oder verprügelt werden will. Ist doch ok. Die Kunst (und Teil des Spaßes) auf beiden Seiten ist, professionell zu provozieren, und danach unschuldig zu tun.

    • Henrik sagt:

      …so spricht jemand, der Demos per TV beobachtet und sich so seine Meinung BILDen lässt…

      Tipp: Geh mal hin, werde einmal im dynamischen Gedränge in die vorderen Reihen bugsiert, provoziere dort auf keinen Fall !!! und NIMM WAHRheit mit nach Hause!

      Und mit etwas “Extra-Pech” steht dir eine PolizistIN gegenüber. In denen spiegelt sich nur unsere Gesellschaft, wo Frauen, um Anerkennung zu erlangen, einfach mehr leisten müssen als Männer… was glaubst du, was das dieser Situation für dich bedeutet…?!

      Ich wünsche dir viel Spaß und gute Heilung!

    • athur sagt:

      Offensichtlich haste nicht mal das video gesehen, Karl? Front. Hahaha.

  18. Andreas sagt:

    Es mag manchen schwerfallen, das zu akzeptieren, aber in der Wirklichkeit eines Menschen, der als Polizist arbeitet, ist der Staat etwas, das man beschützen darf und soll. Nicht vergessen: Es gibt auch andere Wirklichkeiten und für beide Seiten gilt: Man sollte sich nicht zu sehr darauf versteifen, daß die eigene die einzig Wahre sei …

    Danke für den Bericht!

  19. Besucher2778 sagt:

    Wir sind das Volk, und wir sind der Staat. Wir haben diesen Polizisten für etwas abgestraft. Wir sind seine Arbeitgeber.

  20. Stalin sagt:

    Ey Adrian, cool.

    Polizei brauchen wa’ nicht. Wir sind Autonom.

    Hab das video gesehen, voll brutal, ein Wunder, dass es Dir schon wieder besser geht, andere waeren schon im Rollstuhl.

    Scheiss System.
    Kaputt machen und saufen.
    Anarchie.

  21. Dollde sagt:

    Der Polizist hat ein Fehler gemacht – unbestritten. Er muss dafür Verantwortung übernehmen – unbestritten. Aber für diesen kurzen “Schlag mit Schubser” 80 Tagessätze. WTF? Ich find das Urteil ehrlichgesagt total überzogen. Also man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen – jede Diskorangelei ist da heftiger und die passiert wegen nichts. Völliges Missverhältnis von Tat und Busse. Wenn man auch noch bedenkt, dass man sich vorher die ganze Zeit beleidigen und bepöbeln lassen muss (jaja, gehört leider zur Jobbeschreibung eines Polizisten – traurig genug), dann wird das alles noch viel krasser. Wenn es nach mir ging, dann wären 80 Sozialstunden oder so angemessen gewesen, weil er für 1 Sekunde die Nerven verloren hat und nicht 100% reagiert hat, aber doch nicht 4800 Euro. Echt hart. Da muss man sich nicht wundern, wenn niemand mehr zur Polizei will.

  22. Thorsten sagt:

    Ich habe vor 5 jahren die Bundesrepublik Deutschland verlassen, nachdem ich in einer Polizeistation mehrfach bewusstlos geschlagen wurde und zusätzliche schwerste Verletzungen hatte.

    Ich war in der Höhle des Löwen….

    …ich habe auch vor Gericht gesessen und zusehen müssen wie das Ofer zum Täter wurde …(ICH)
    Geldstrafe für Beschädigung öffentlichen Eigentums, Angriff auf Beamte im Dienst und mehrfache Beamtenbeleidigung…

    Und die Gewalttäter sind unbestraft davon gekommen.

    Ich kann das nicht akzeptieren was mir persönlich geschehen ist und kann nicht verstehen warum meine 4 Prügelbullen immer noch Ihre Dienstbezüge von Deutschen Steuerzahlern bekommen.
    Ich zahle meine Steuern in einem anderen Land und möchte NIE wieder nach Deutschland – zum bedauern meiner Familie und meines ssehr grossen Freundeskreises.

    Ihr armen Deutschen

    @Adrian die Dunkelziffer in Sachen Polizeigewalt ist sehr groß und was kann man schon von Menschen verlangen die dafür bezahlt werden andere zu verpetzen -
    alle Polizisten sind staatlich anerkante Petzen, Lügner und Schläger und alle Polizisten werden in den Hundertschaften genauso ausgebildet
    Alle Polizisten wollen irgendwann mal John Wayne spielen und ziehen die Ausbildung an einer Waffe einem normalen Lehrberuf vor.

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