Warum die Stopp-ACTA-Symbolik antisemitisch ist, dieser Umstand keine Rolle spielt und es keinen Faschismusvorwurf abzuwehren gilt

Viele Piratenparteien sind seit einiger Zeit in der Stopp-ACTA-Kampagne organisiert, um die Arbeit gegen das internationale Abkommen ACTA zu koordinieren. Diese Kampagne verwendet einen die Erde umgreifenden Kraken als Symbolik für ACTA – eine Darstellung, die sich seit einiger Zeit den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen muss. Im Folgenden möchte ich verständlicher machen, was genau der Vorwurf ist und warum er berechtigt ist.

Die ACTA-Symbolik ist nicht deshalb antisemitisch, weil Antisemit_innen ähnliche Symbolik verwenden, um eine angebliche ‚jüdische Weltverschwörung‘ darzustellen – Keine_r vermutet ernsthaft einen kleinen Nerd-Hitler hinter der ACTA-Grafik, der seine faschistischen und antisemitischen Vorstellungen über einen Rückgriff auf NSDAP-Symbolik ausdrücken möchte. In dieser Hinsicht ist es lediglich als ungeschickt zu bewerten, so wie Hakenkreuze in der Architektur oder indirekt bei Nazis entlehnte Sprüche ungeschickt, aber selten boshaft sind. Dabei ist es auch egal, ob Hakenkreuze oder die Welt verschlingende Kraken auch von Anderen eingesetzt wurden – die Verwendung muss genau abgewogen, und im Zweifelsfall von mehrdeutigen oder ‚verbrannten‘ Symbolen Abstand genommen werden. Insbesondere bei politischen Gruppen sollte hierbei äußerst sensibel vorgegangen werden: schon eine Person, die sich an Nazisymbolik erinnert fühlt, ist meist eine Person zu viel.

Wichtiger noch als diese Abwägung ist aber eine andere Frage: Warum erscheint mir ausgerechnet eine Symbolik als passend, die auch antisemitisch verwendet wird? Warum kann ein Symbol mein politisches Anliegen illustrieren, das auch schon Antisemitismus illustrierte? digimoral schreibt: „die Piraten verwenden [das Symbol], um vor der heimlich ausgehandelten Übermacht durch Regierungen zu warnen“. ZweiPi meint: „Da saß jemand in der Kammer und dachte wie er ACTA symbolisieren kann und kam darauf die Erde mit einer Krake zu umschlingen, da die Krake eins der Symbole der Datenschützer ist [die sie für ihre Gegner verwenden] und ACTA global handelt.“ ACTA wird also von einem normalen, wenn auch politisch unliebsamem, geheim ausgehandelten multilateralen Vertrag zu einer die Welt beherrschenden und unterjochenden Instanz. Diese Vorstellung ist – durch die Symbolik entsprechend reduziert – strukturell dem Antisemitismus ähnlich, sie ist strukturell antisemitisch. Die Wahl einer ähnlichen Symbolik deutet hier auf eine unzureichende Argumentation, zumindest aber eine unzureichende Reduktion – denn jede Symbolik ist Reduktion einer Position – hin. Die Stopp-ACTA-Kampagne muss sich die Frage gefallen lassen, ob das wesentliche, worauf sie sich selbst in ihrer Symbolik reduzieren will, eine naive und verschwörungstheoretisch angehauchte Weltsicht ist.

Nun sollte die Frage aufkommen, wie etwas ‚antisemitisch‘ oder zumindest ‚strukturell antisemitisch‘ sein kann, das nichts mit Jüd_innen zu tun hat. Allgemein bezeichnet ‚Antisemitismus‘ nicht einfach jenen Rassismus, der sich auf als ‚jüdisch‘ identifizierte Menschen bezieht. Vielmehr handelt es sich (aus Sicht psychoanalytischer Antisemitismustheorie und Kritischer Theorie) beim Antisemitismus um den Vorgang, in dem „das gesellschaftlich deformierte Individuum ein Objekt, dem es alle als negativ wahrgenommenen Anteile dieser Gesellschaft, in die es unauflöslich eingebunden sei und die es selbst trage, zuschreibe.“ Das Objekt dieser Zuschreibung – also welche Personengruppe für alles Üble verantwortlich scheint – ist theoretisch variabel.

Welche Relevanz diese Betrachtungen für die eigene Praxis und vor allem für die Bewertung des Stopp-ACTA-Symbols hat, möge Jede und Jeder selbst überlegen – als Ergebnis von Hitzeschlägen, Sommerlöchern oder krampfhafter Nazisuche lässt sich die Kritik jedoch nicht abtun. Klar sein muss auch: Antisemitismus und Nazis haben ungefähr soviel miteinander zu tun wie Schönheitswahn mit Joggerinnen – sie prägen diese Gruppen vielleicht, sind aber keinesfalls auf diese beschränkt, sondern in der ganzen Gesellschaft zu finden.

Links

Thema: Politik | Stichwörter: , , , , , , , , , , , 142 Kommentare »

142 Kommentare für „Warum die Stopp-ACTA-Symbolik antisemitisch ist, dieser Umstand keine Rolle spielt und es keinen Faschismusvorwurf abzuwehren gilt“

  1. home sagt:

    sympbkvhhyoiurigsknuwtvacbobilzr

  2. home sagt:

    xudlmcosxjjtnbptuohrtkflvklb

  3. home sagt:

    riqtsrreknltpjlfekvkdpbdaeaq

  4. home sagt:

    tuhpqkuyvmbhdgmaotgrztaweus

  5. home sagt:

    zjmcxnzntsxebbgxgjffjo

  6. home sagt:

    mtoldimwvacgxfrxugvl

  7. home sagt:

    cjfzvxhbcugyzacbnbhoyfbw

  8. home sagt:

    bpqpwdloctfihvxardrwrv

  9. home sagt:

    zjoxkglydqbstwjrtntzjznvwfj

  10. home sagt:

    lxhtkwxpyznyynikqndt

  11. home sagt:

    zdvjirzoqlwxcismekapisx

  12. home sagt:

    looiunhwzfvdeiiouzvrvp

  13. home sagt:

    vcdhhfunnaclihbclshtswek

  14. home sagt:

    nlkwrdmnwebjuxkfgkdlyuhjmqpuu

  15. home sagt:

    ssawfaxegkbmpdbbybgkhdhg

  16. home sagt:

    bvalkidyrcqkpahqhanzfdpxfvppwy

  17. home sagt:

    hdfcnsebeemxwmcphqqgrb

  18. home sagt:

    rksdyawgeiigqgmqbmlqsistdfb

  19. home sagt:

    kihtzoskqtzyplsvmoydkmmogl

  20. home sagt:

    qzcechorixslmdjnimdudkr

  21. home sagt:

    ucyzzmnndunpthyezxccvssqcz

  22. home sagt:

    udgdgpckmvarteqgbbwkpuvnft

  23. home sagt:

    qubakptpohcyybrndpokzqqqthlymdkz

  24. home sagt:

    hqtaohafxxnznmcorpavlprx

  25. home sagt:

    ebygvjlqrhqraxgexzhcetgb

  26. home sagt:

    nlwppnbzndvxphyssucsraagu

  27. home sagt:

    dodnnzfvrqmnbotawvgongjvk

  28. home sagt:

    avdpqxhhssoswiqueyrfqsfrh

  29. home sagt:

    axlavmonemctfnvgmquarss

  30. home sagt:

    vmoemqaorrgdkcxujpwwiux

  31. home sagt:

    qsentilorxgbimzlmcszr

  32. home sagt:

    czegjuyehiojetwihqwqyusj

  33. home sagt:

    pjqtfttlamllkjpxdhojmgjwxx

Kommentar schreiben

Bedenke, dass du deinen Kommentar unter der Lizenz Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany veröffentlichst. Kommentiere daher nur, wenn du mit dieser Lizenz einverstanden und Urheber_in des Textes bist.

Leider funktioniert das Kommentieren in Chromium und Chrome im Moment nicht.

Hire Adrian Lang – C, Debian, DokuWiki, git, GNU/Linux, HTML, JavaScript, jQuery, Node.js, PHP, Web, Wikipedia