GenderCamp 2012

Ein paar ungeordnete, nicht-stringente Punkte von mir zum GenderCamp:

Allgemeines Erleben

Ich habe das GenderCamp persönlich als großartig wahrgenommen, zumindest bis zum (dazu später mehr). Ich habe allerdings wahrgenommen, dass das nicht allen so erging. Darüber hinaus frage ich mich, wie viele Menschen, die die bisherigen GenderCamps nicht als angenehm erlebt haben, gar nicht erst gekommen sind oder (mir) nicht mehr so präsent waren. Ich habe diesen Vorgang als tendenzielle Entdiversifizierung und Heterosexualisierung wahrgenommen.

Kinder und Kollektivität

Die Präsenz von Kindern aus/in/mit ausschließlich von mir als hetero-, cis- und monosexuell wahrgenommenen Familienkonstellationen war vermutlich wesentlich für diese verstärkte Wahrnehmung und Präsenz solcher hetero-, cis- und monosexuell lebender Personen.

Bisher hatte ich bei kollektiver Kinderbetreuung hauptsächlich an die Bezugspersonen der Kinder und die Kinder selbst gedacht. Das GenderCamp hat mir eine deutliche Perspektive auf die betreuenden Personen und den sozialen Raum in dem die Betreuung stattfindet, geöffnet. Die Kinderbetreuung hat meinem Empfinden nach die dominante Sichtbarkeit der o. g. Lebensentwürfe deutlich gemindert.

Ich betrachte kollektive Kinderbetreuung (auf politischen Veranstaltungen) jetzt auch als Chance, die gesellschaftlich dominanten Formen von Kollektivität (mit Kindern) zeitweise zu öffnen. Mein Ziel wäre es dabei, Menschen, deren Verhältnis zu Kindern eher schmerzhaft oder von Unsicherheit geprägt ist, positive Erfahrungen von Kollektivität (mit Kindern) zu ermöglichen. Schlussendlich kann queere Kollektivät aber nur dadurch Präsenz und Realität erreichen, dass queere Kollektivitäten selbst präsent werden und für Queers als begehr- und erreichbar erscheinen, nicht durch die vorübergehende und unwesentliche Öffnung weniger queerer Kollektivitäten.

Ich fand den Vortrag „Die unmögliche Möglichkeit queerer Kollektivität“ von Mike Laufenberg und Bini Adamczak sehr hilfreich zur Frage queerer Kollektivität.

Aus meiner Bezugsperson-Perspektive hat die Kinderbetreuung großartig funktioniert, ich konnte viele Veranstaltungen besuchen und die Kinder und Betreuenden schienen viel Spaß zu haben.

Ich bin sehr gespannt auf das Wer lebt mit wem, warum und wie?, das ich als gleichzeitig queerer und kinderfreundlicher erlebt habe.

Kritik

Ich hatte das Gefühl, dass sehr viele Ressourcen in solidarische Kritik gingen, während wichtigere und lösbarere Probleme nicht angesprochen wurden. Ich habe dafür auch keine Lösung.

Awareness und Orga

Das Awareness-Team hat aus meiner Sicht im Vorfeld großartige Arbeit geleistet. Die vorgeschlagenen Werkzeuge wurden überall wo ich war gerne genutzt und haben einen deutlichen Effekt gehabt. Ich habe selbst noch nie so viel über mein (Gesprächs-)Verhalten nachgedacht.

Ich denke allerdings, dass sich Awareness- und vermutlich auch Orga-Team deutlich überfordert haben, spätestens auf dem GenderCamp, vielleicht auch schon vorher. Wenn ich richtig gezählt habe war rund ein Drittel der Teilnehmer_innen in einer der beiden Gruppen und damit quasi Vollzeit mit der Orga beschäftigt. Dieses Verhältnis scheint mir völlig absurd und sehr problematisch. Das Ergebnis davon war, dass ein Drittel der Teilnehmer_innen kaum teilnehmen konnten, sie große Lasten tragen mussten und teilweise als ausschließende und negative Gruppe wahrgenommen wurden.

Wissenshierarchien

Ein weitere Konsequenz war eine heftig ungleiche Verteilung von Informationen. Am gab es ein gemeinsames Plenum von Awareness- und Orga-Gruppe. Manche wussten, dass dieses Plenum stattfindet, andere nicht. Manche wussten teilweise, worum es geht, andere nicht. Viele haben hinterher manches erfahren, viele nicht.

Ich kann nachvollziehen, dass bestimmte Diskussionen nicht in der gesamten Gruppe geführt werden sollen und bestimmte Informationen nicht für alle gedacht sind. Ich kann nachvollziehen, dass Personen Kritik möglicherweise nicht üben, wenn sie fürchten müssen, dass diese im Gesamtplenum ausgebreitet und diskutiert wird. Ich finde es genauso verständlich, dass die Menschen aus Orga- und Awareness-Gruppen über belastende Themen mit bestimmten Personen reden wollen.

Das Ergebnis ist aber aus meiner Sicht katastrophal: Wissen und Unsicherheit wird ungleich entlang den Linien persönlicher Beziehungen und sozialer Positionen verteilt.

Thema: Persönlich, Politik, Virtuelle Gesellschaft | Stichwörter: , , , , , 8 Kommentare »

8 Kommentare für „GenderCamp 2012“

  1. ihdl sagt:

    danke für den text :) ich war ja dieses jahr nicht dabei, habe aber trotzdem mitgefiebert und die tweets verfolgt. ich wollte fragen, ob du eine idee zu der überforderung der orga hast. die abzusehende überforderung auf dem camp, im voraus und auch auf dem letzten camp war für mich ja der ausschlaggebende punkt, mit dieses jahr rauszuziehen. die orga-gruppe zu vergrößern und eine awarenessgruppe, die – mit überschneidungen – parallel zur orga an diesem wichtigen thema arbeitet, war ja eine idee, um mit der überforderung aus dem letzten jahr umzugehen. was denkst du denn zu dieser frage? ist das mehr-schultern-modell besser oder verstärkt es probleme vielleicht sogar, zum beispiel in bezug auf wissenshierarchien?

    danke auch für den vortragstipp, den werd ich mir anhören :)

  2. [...] fand, dass es für die Umstände ziemlich gut gelungen ist, aber es war auch anstrengend, worüber Adrian schon gebloggt hat.  Vielleicht entwickelt sich das ja im Lauf der Jahre, wenn sich durch Menschen, die wiederholt am [...]

  3. [...] Aber es gibt da noch einen dritten Punkt, der mir wichtig ist. Ähnlich, wie Melanie schreibt, sollte es für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir den Familienstatus zumindest sehr erschwert, mich aus dem heteronormativen Setting “Vater-Mutter-Kind(er)” ausschließt und mir kaum Möglichkeiten gewährt, Erziehungsarbeit zu übernehmen. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, wann und vor allem wie ich als Mutter/Erziehende auftreten kann und will. Sich mit Kindern unwohl fühlen, heißt daher nicht, Kinder abzulehnen, sondern kritisch auf den eigenen sozialen Status zu blicken. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen “eigene” Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die permanente Anrufung als Mutter satt haben, bei anderen löst die Anwesenheit von Kindern Wut, Trauer und Verletztheit aus. Auch die Reaktualisierung eigener Gewalterfahrungen in der Kindheit/Jugend ist durch die Anwesenheit von Kindern denkbar. Da Kinder all diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken von Erwachsenen zu Kindern weder komplett erfassen oder mitbedenken, geschweige denn darauf reagieren können, sehe ich hier vor allem Eltern/Erziehende/Bezugspersonen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln. Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden. Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Vorerst helfen vielleicht Adrians Gedanken und Hinweise zu Kindern und Kollektivität [...]

  4. [...] bei medienelite und adrianlang mehr dazu weitersagen:Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem diese(r) Artikel [...]

  5. [...] Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert [...]

  6. [...] Adrian Lang (@adrianlang): “GenderCamp 2012“ [...]

  7. [...] DruckereyBlog (1838) 141. Hauptstadtblog (1847) 142. Fernsehlexikon (1858) 143. ChuhChuh (1863) 144. Adrians Blog (1875) 145. filmtagebuch (1897) 146. Sash – Ein Taxifahrer aus Marzahn bloggt (1910) 147. [...]

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